Stuttgarter
Zeitung, vom 22.10.2011
Die Lovestory von
Hero und Leander wird lebendig
Weil der Stadt
Die Pianistin Meryem Akdenizli hat Zehntklässler durch die
Musikgeschichte geführt.
Von
Gabriele Metsker
Schulkonzert
IKG Musiksaal Foto: factum/Weise
In
80 Minuten durch die Musikepochen" nennt die junge Pianistin ihre
Gesprächskonzert, mit dem sie vor allem junge Menschen mit auf
die Reise nehmen möchte. Am Freitag sind
Zehntklässler und Kursstufenschüler des
Johannes-Kepler-Gymnasiums mit Meryem
Natalie Akdenizli unterwegs gewesen. "Ich finde es sehr wichtig, dass
die junge Generation auch begeistert wird von der wundervollen Musik
und dass sie mit ihrem kulturellen Erbe in Kontakt kommt",
erklärt sie. Dabei ist sie selbst noch jung. Da sie ihr
Studium an den Musikhochschulen Trossingen und Hannover erfolgreich
abgeschlossen hat, ist sie natürlich etwas älter als
ihr Publikum in der Schule: Ende zwanzig. Aber sie wirkt so, als habe
sie eben erst ihr Abitur gemacht. Das schafft Nähe zu den
Jugendlichen.
Meryem Natalie Akdenizli, die in Stuttgart Zazenhausen aufgewachsen ist
und jetzt in München lebt, schafft es, klassische Musik und
Musikgeschichte kein bisschen verstaubt wirken zu lassen. Dazu
trägt ihr Erscheinungsbild bei: Sie ist hübsch und
wirkt trotz des eleganten, schulterfreien Abendkleides kein bisschen
steif oder elitär - im Gegenteil. Dunkle Locken umrahmen ihr
hübsches, junges Gesicht mit den fröhlich strahlenden
Augen. Sie entspricht so gar nicht dem Klischee des introvertierten,
kauzigen Musikers.
Mit Begeisterung erzählt sie von Franz Liszt, dem
"größten Pianisten, den es jemals gab". Und sie
erwähnt die - wissenschaftlich nicht gesicherte - Anekdote von
Liszts Hund, den er sich angeschafft hatte, um allen
Damenwünschen nach einer "Haarlocke von Liszt" entsprechen zu
können, ohne selbst einen kahlrasierten Schädel zu
bekommen. Witzig schildert sie, wie die Frauen reihenweise bei seinen
Konzerten in Ohnmacht fielen - wie es auch heute bei Konzerten
großer Stars üblich ist. Das Ganze wird begleitet
von Bildern auf einem Bildschirm, die den berühmten Pianisten
in verschiedenen Lebenssituationen zeigen. Aber natürlich
spielt die Pianistin auch Klavier. Und wie!
Passend zu den Interessen, die Jugendliche meistens haben, hat sie die
Ballade Nr. 2 ausgewählt, in der es um die Liebesgeschichte
von Hero und Leander geht. Sie demonstriert, wie das Wellenrauschen des
Meeres bei den Dardanellen klingt, wie sich Liebe und Sehnsucht der
beiden in einem anderen Motiv ausdrücken und wie aus dem
Wellenrauschen durch Oktavierung ein richtiger Sturm wird. Als sie das
Stück dann nachher am Stück spielt - auswendig, wie
alles an diesem Mittag - sind die Motive gut wiederzuerkennen und die
Geschichte, die erzählt wird, ist deutlich zu hören.
Ähnlich stellt sie das Präludium E-Dur (BWV 937) von
Johann Sebastian Bach vor, die "Appassionata" des Klassikers Ludwig van
Beethoven, zwei impressionistisches Préludes von Claude
Debussy und ein Stück des zeitgenössischen
Komponisten Janez Maticic, mit dem sie selbst in Paris gesprochen hat.
Bei seiner Komposition kommen sogar Knöchel und Ellenbogen zu
Einsatz - was für Raunen in der Mensa sorgt.
Bei den Schülern ist das Ganze gut angekommen: "Ich kann mir
jetzt besser vorstellen, was für Musikarten es gibt",
beschreibt Sarah Rehm. Alena Türk findet die Geschichten zur
Musik besonders gut: "Man hat gesehen, was sich der Komponist gedacht
und wie er gefühlt hat." Dass das Johannes-Kepler-Gymnasium
bereits über hervorragenden Nachwuchs verfügt,
beweist Robin Weidle nach dem Schlussapplaus: Er spielt, umringt von
seinen Mitschülern, die berüchtigte 12.
Etüde aus Opus 10 von Frédéric Chopin -
und bekommt nach dem Konzert Extra-Unterricht von der Meisterpianistin.
Quelle: Stuttgarter-zeitung.de – zum pdf Artikel